Anett Kollmann

Autorin - Biografin - Literaturwissenschaftlerin

Von Natur aus Hochstapler 

Über Liebesfallen, Fakefood und Grünzeug, das keines ist 

Büchermenschen begeben sich auf den Acker, zurück zur Natur! Aber Vorsicht, die grüne Idylle trügt, und zwar gewaltig. Unter Bienchen und Blümchen wird verführt, verwirrt und getrickst, vorgetäuscht und weggefressen, oft auf Leben und Tod. Es geht es um falsche Paarungsversprechen, die trügerische Aussicht auf fette Beute und erlogene Identitäten.  

Einige Spezies verbessern ihre Überlebens- und Vermehrungschancen, indem sie vorgeben, etwas anderes zu sein als sie sind, eine Wespe zum Beispiel. Um die dreihundert Nachahmer schwärmen durch Feld, Wald und Gartenlokal, die mit einem ähnlich schwarz-gelb-geringelten Äußeren nur so tun, als gehörten sie der wehrhaften Spezies an. Das Täuschungsmanöver verschafft Respekt und verdirbt Fressfeinden den Appetit, aber von Killergattungen wie Menschen in Panik werden die harmlosen Hochstapler ebenso gnadenlos zerquetscht wie die bedrohlichen Originale. Kein Vorteil ohne Risiko. 

Den höheren Nutzen von Maskerade und Verstellung bezeugen in der Fauna zahlreiche Doppelgänger, von falschen Schlangen, die sich als tödliche Ottern ausgeben, bis hin zu Spinnen, die ihr überzähliges Beinpaar verbergen, um als ungenießbare Ameise zu gelten. Auch Pflanzen tragen ein immenses Schwindler-Gen in sich. Sie tarnen sich als Lebender Stein oder tun wie der Aronstab mit seinem Flechtenmuster so, als wären sie ein robuster Baum. 

Es geht noch raffinierter. Er sucht sie überall, sein weibliches Gegenstück, das seinem Leben einen Sinn geben und die Mutter seiner Nachkommen werden soll. Es bleibt ihm nicht viel Zeit. Und dann findet er sie. Er kommt ihr näher, er landet bei ihr. Sie scheint die Richtige zu sein, alles passt: sie sieht aus wie seine Königin, duftet so und nicht nur ihr Haar fühlt sich auch so an. Erst als er sich mit ihr vereinigen will, wird klar, dass er betrogen wurde. Sie ist eine Orchidee, eine falsche Schönheit, die nur vorgab, seine Bienenkönigin zu sein. Die Drohne hat ihre knappe Zeit vertan. Genutzt hat die Begegnung nur der Betrügerin, deren Pollen der Getäuschte weiterträgt, am besten zur nächsten falschen Braut, wo er so den Fortbestand ihrer Art sichert.

Wie der Bienenmann tappen Ameisen-, Wespen-, Käfer-, Fliegen- und Spinnenmänner in speziell für sie kreierte Sexfallen  und werden das Opfer von schwindlerischen Blüten, biologisch gesprochen von Sexualtäuschung und Pseudokopulation. Orchideen scheinen dabei eine besonders irreführende Spezies zu sein. Mehr als die Hälfte der 20.000 Arten überlebt davon, paarungswillige Insekten unter Vorspiegelung falscher Tatsachen anzulocken.

Sex sells, immer, aber auch Nektar macht Pflanzen attraktiv im Reich der Insekten. Wer keinen hat, muss tricksen. Ein klarer Fall von Hochstapelei: die Benachteiligten ahmen die Nektarspender nach und siedeln sich dort an, wo auch ihre Vorbilder wachsen, in Gestalt, Duft und Lebenstakt kaum zu unterscheiden von ihnen. Die kriechenden und fliegenden Gäste lassen sich von den falschen Gewächsen bluffen und haben ihren fruchtbringenden Zweck bereits erfüllt, wenn sie den Nektarschwindel bemerken. Eine schöne Illusion, inszeniert von trügerischen Pflanzen, auch für Sechsfüßler mit anderen kulinarischen Vorlieben. Die Riesenrafflesie beispielsweise bietet etwas für den besonderen Geschmack. Ihre Blüten können bis zu einem Meter durchmessen, in der gesamten Flora sind sie die größten, eine gigantische Landefläche. Ihre Opfer lockt jedoch das delikate Aroma von verwesendem Fleisch, das die Blume verströmt. Aasliebhaber wie Fliegen lassen sich vom Duft des Todes betören und meinen, sich auf etwas niederzulassen, das nicht nur in Form, Farbe und Geruch einem Kadaver ähnelt, sondern mit seiner leicht erhöhten Temperatur auch noch die Spuren eines gerade erloschenen Lebens an sich trägt. Die so perfekt getäuschte Fliege kommt nicht nur um die vorgegaukelte Fleischmahlzeit, sondern auch um ihre Brut, eine verlorene Investition, weil die Maden aus den abgelegten Eiern ganz gegen ihre Art kleine Vegetarier werden müssten, um dort zu überleben, wo ihre sinnenverwirrte Mama sie zurückgelassen hat.

Glück im Unglück für die Fliege, denn der falschen Pflanze ging es nur um Sex und nicht um eine Mahlzeit. Wenn es um ihre Beute geht, kennen manche keine Grenzen, wie die zwischen Fauna und Flora.  In tropischen Gewässern leben Geisterpfeifenfische, die sich unerkannt wie eine von ihnen zwischen Korallen verstecken. An Land nehmen Insekten meist zum eigenen Schutz die Gestalt und das Verhalten von Gewächsen an. Sie werden zum Wandelnden Blatt, zur Wandelnden Bohne oder ähneln wie die Stabheuschrecke einem Zweig, der sogar den Bewegungen des Windes folgt und ansonsten stundenlang pflanzengleich bewegungslos bleibt. So getarnt sind sie für ihre Feinde uninteressant und bestenfalls unsichtbar, was ihrer Gattung den Namen Gespenstschrecken eintrug. Sie sind harmlos und reine Vegetarier. Anders verhält es sich bei den Fangschrecken. Auch sie geben sich als Pflanzen aus, doch ihre Absicht ist selten friedfertig. Als Königin der Fangschrecken gilt die Teufelsblume. Zoologen verpassten dem Tier im 19. Jahrhundert den flagranten Namen in dem Glauben, die bizarre Körperform des Insekts imitiere in diabolischer Schönheit Blätter und eine Blüte, um ihre fliegende Beute in die Todesfalle zu locken. Obwohl die Teufelsblume zu den Lauerjägern zählt, ist sie heute von diesem Vorwurf fast freigesprochen. Ihre trügerische Erscheinung als Pflanze diene mehr dem eigenen Schutz vor Fressfeinden. 

Ihren schlechten Ruf nicht losgeworden ist hingegen die einzige Fangschrecke, die in Europa vorkommt, die Gottesanbeterin. Ihren deutschen Namen verdankt die mantis religiosa ihrer eigenartigen Lauerstellung, in der sie mit ihren hoch erhobenen, aneinander gelegten Vorderbeinen einer Betenden gleicht. Auch sie gibt sich in ihrem Umfeld als Blatt, Blüte, Orchidee oder Rinde aus, bis die ahnungslose Beute nah genug ist, um blitzschnell mit den dornenbesetzten Fangbeinen geschnappt und lebendig verspeist zu werden. Ihre schaurige Popularität verdankt die Gottesanbeterin jedoch dem Umstand, dass der Appetit der weiblichen Tiere vor ihrem Liebhaber nicht haltmacht. Es kann ihm passieren, dass er bereits während der Kopulation oder kurz danach von ihr aufgefressen werden. Das schreckt nicht nur Insektenmänner. Maskuline Urängste werden wahr und inspirieren Literaten zur Imagination der Gottesanbeterin zwischen Lust und Tücke. Thomas Schestag begibt sich in Mantisrelikte auf die semantische Spur der Faszination in Texten von Maurice Blanchot, Paul Celan und Jean-Henri Fabre. Dies als Literaturhinweis für die Büchermenschen auf dem Acker, falls das jetzt alles doch zu viel trügerische Natur war und ein Zurück zu Schreibtisch wie Lesepult als Heimkehr in das Biotop mit den vertrauteren Schwindeleien erscheint. 


© Anett Kollmann