Anett Kollmann

Autorin-Biografin-Literaturwissenschaftlerin

Gelehrt, galant, gefährlich

Francesco Algarotti brachte Newton nach Italien, Tiepolo nach Sachsen und Palladio nach Preußen. Aber eigentlich wollte er nur ein höfisches Amt.

  

Gruppenbild mit dem Boss: es sieht aus, als hätte er es geschafft. Nah beim König und im angeregten Gespräch mit Voltaire sitzt Francesco Algarotti in “König Friedrichs II. Tafelrunde in Sanssouci”, so, wie sie Adolph Menzel 1850 entwarf. Der Monarch und die beiden Philosophen bilden das zentrale Dreigestirn im Gemälde: der große Friedrich an der Spitze, Voltaire und Algarotti einander gegenüber auf Augenhöhe, zugeneigt und Rivalen zugleich. “Mein lieber Algarotti”, hatte der Preußenkönig kurz nach seiner Thronbesteigung 1740 geschrieben, "mein Schicksal hat sich gewendet. Ich erwarte sie mit Ungeduld, lassen Sie mich nicht schmachten”. Der 28-jährige Herrscher kannte den gleichaltrigen Italiener schon seit seiner Rheinsberger Kronprinzenzeit. “Gefiel mir über die Maßen”, offenbarte Friedrich damals gegenüber Voltaire, “sehr feurig, lebhaft und empfindsam, und nichts könnte mir besser zusagen”.  

“An der Tafel soll man Franzose sein, am Schreibtisch Engländer.” 

Es war jedoch nicht nur der südländische Charme, der Algarotti die Gunst des neuen Königs einbrachte, sondern auch sein Talent zur geistreichen Konversation und zum Philosophieren über die Dinge der Aufklärung. Am 11. Dezember 1712 als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns geboren, hatte der Venezianer in Bologna, Rom und Padua ein umfassendes Studium absolviert. Neben Rechtswissenschaften gehörten auch Geschichte der Literatur und schönen Künste sowie moderne Naturwissenschaften und experimentelle Physik zu seinem akademischen Pensum. Der Student begeisterte sich für Newton und seine Auffassungen von Erkenntnissuche. Er experimentierte selbst mit optischen Prismen und veröffentlichte 1737 mit 24 Jahren seine bekannteste Schrift “Newtonianismo per le donne ovvero Dialoghi sopra la luce e i colori”, Newtonismus für Damen oder Dialoge über das Licht und die Farben. Die Unterweisung, im leichten Plauderton gehalten, landete sofort nach ihrem Erscheinen auf dem kirchlichen Index und wurde in ständiger Überarbeitung einer der Bestseller des 18. Jahrhunderts. Kurz nach der Veröffentlichung kamen Übersetzungen heraus, 1738 ins Französische, 1739 ins Englische und 1740 ins Deutsche. Angeregt durch Algarottis Buch schrieb Voltaire 1738 seine “Elements de la Philosophie de Newton”. Der deutsche Aufklärer Christian Wolf, Professor der Mathematik und Philosophie, meinte allerdings: “Die Damen werden durch das Buch auch nicht vernünftiger werden, als sie sind.”

“Die Natur macht nichts einmal so und dann einmal anders.
Sie ist nicht heute cartesianisch und morgen newtonianisch.”

Der Mut des jungen Mannes, sich als Fürsprecher der keineswegs allgemein akzeptierten Theorien Newtons an die Öffentlichkeit zu wagen, resultierte auch aus seinem Umgang mit den großen Wegbereitern der Aufklärung. Nach seiner Studienzeit hatte ihn eine Europareise nach Paris geführt. Dort lernte er Bernard de Fontenelle kennen. Der Literat, Mitglied der Académie française, der Académie des Sciences und der Académie des Inscriptions et des Belles Lettres, entsprach dem Typus moderner Gelehrsamkeit. Geistreich ohne die Oberflächlichkeit des ‘bel esprit’ und gebildet ohne die Schwere akademischer Scholastik verkörperte der fast Achtzigjährige eine weltzugewandte Form von Wissenschaft, die auch prägend für Algarotti wurde. Im Jahr 1686 hatte Fontenelle seine “Entretiens sur la pluralité des mondes”, Unterhaltungen über die Vielzahl der Welten, verfasst. Diese Gespräche, eine nächtliche Konversation zwischen einem gebildeten Herrn und einer interessierten Dame nebst Tochter, kreisen um die neuen astronomischen Ansichten von Kopernikus, Galilei, Kepler und Descartes. Als Algarotti ein halbes Jahrhundert später in Paris an seinem Erstling “Newtonianismo per le donne” arbeitete, übernahm er diese bewährte Form des gelehrsamen Unterhaltung, nun allerdings um die descarteskritische Weltsicht Newtons zu verbreiten.

Algarotti verdankte Fontenelles nicht nur die literarische Inspiration für seinen Erstling, sondern auch die Bekanntschaft mit wichtigen Persönlichkeiten der europäischen Aufklärung seiner Zeit. Durch Fontenelles trat er in Kontakt mit den Mathematikern Pierre Louis de Maupertuis und Alexis-Claude Clairaut. Die beiden standen kurz davor, ihre Lappland-Expedition anzutreten, als deren Ergebnis sie neue Erkenntnisse zur Erdgestalt vorlegen werden können. Auf Anregung Fontenelles begann Algarotti die Korrespondenz mit Voltaire und dessen damaliger Geliebten Émilie du Châtelet, einer Frau, die über eine herausragende naturwissenschaftliche und philosophische Bildung verfügte. Die Marquise lebte mit Voltaire auf ihrem Schloss in der Champagne, das sie durch die finanzielle Hilfe ihres Freundes mit einem naturwissenschaftlichen Labor, einer umfangreichen Bibliothek und einem kleinen Theater ausstatten konnte. Wie viele andere Mathematiker, Physiker und Philosophen war auch Algarotti zu Gast in diesem Haus. Bekanntschaften aus dieser und späteren Zeiten machten den Venezianer zu einem festen Knoten im kommunikativen Netzwerk der europäischen Aufklärer und begründeten lebenslange Korrespondenzen. Mit Maupertuis und Voltaire traf Algarotti an der Potsdamer Tafelrunde wieder zusammen.

“Die Frauen des Nordens sind wie Nordlichter,
sie leuchten, aber sie wärmen nicht.”
 

Bevor er jedoch dem sehnsüchtigen Ruf des preußischen Königs nach Potsdam folgte, brach der italienische Kosmopolit zunächst nach Russland auf. Er reiste im Gefolge des Barons von Baltimore, der im Auftrag Georgs II. von England an den Hochzeitsfeierlichkeiten der Nichte der Zarin teilnahm. Algarotti bestieg im Sommer 1739 in London “The Augusta”, Baltimores Schiff, das sie nach Sankt Petersburg brachte. Auf 75 Blättern, die heute in der British Library verwahrt werden, hielt er die Eindrücke dieser Reise fest. Seine Interessen waren umfassend und vielfältig. Er schrieb über Handel und Wirtschaft, über die Admiralität und die Akademie, über Bergwerke und Festungen. Beeindruckt vom Glanz des Hochzeitsfestes – “so viel Gold und Silber wie nirgendwo”  –, bedauerte er gleichzeitig, dass es im ärmlich bevölkerten St. Petersburg kaum Zuschauer für die kostbaren Livreen gebe. Und die russischen Hofdamen? “Generalmente belle”, allgemein schön, urteilte der junge Venezianer. Sie trügen eine Verbindung georgischer, griechischer und tatarischer Züge, “die sie reizender machen als die anderen Schönheiten des Nordens. Aber die Strenge des Hofes, die Sklaverei, die im allgemeinen in diesem Land herrscht und die schlechte Erziehung, die sie empfangen haben, lässt sie nicht so angenehm erscheinen, wie sie ohne das alles wären.” Die als “Viaggi di Russia” in mehreren Versionen erschienenen Reiseberichte gehören zu den Klassikern der aufklärerischen Reiseliteratur. Elegant im Stil und detailliert in den Beschreibungen sind sie es “wert, auf dem Arbeitstisch eines Ministers zu liegen”, wie Andrea Rubbi, einer der ersten Biografen Algarottis, 1782 schrieb. Dass sie dennoch in Vergessenheit gerieten – im 19. Jahrhundert erschien eine einzige Ausgabe – liegt weniger am Inhalt als am Autor, dem seine Diskretion als Oberflächlichkeit, seine Eleganz als Frivolität und seine Weltläufigkeit als mangelnder Patriotismus vorgeworfen wurden.

“Glücklich jene Gesellschaft,
wo italienische Fantasie mit englischer Gelehrsamkeit und französischer Kultur durch einen neuen Thales oder Platon zusammenkäme.”
 

Algarotti gehörte zu den ersten, die der neue preußische König 1740 für seinen eigenen Hofstaat rekrutierte. Friedrich II. wollte es anders machen als sein Vorgänger Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig. Das größte stehende Heer Europas, das er einschließlich der “Langen Kerls” von seinem Vater geerbt hatte, sollte nicht nur Sammlerwert haben, sondern auch für Preußen in den Krieg ziehen. Und die Musen sollten zurückkehren in das vom spartanisch wirtschaftenden Vater kulturell ausgedörrte Land. Voltaire und Maupertuis wurden aufgefordert zu kommen, auch der Marquis d' Argens und Graf Kaiserling. Friedrich, der selbsternannte “Philosoph von Sanssouci”, schätzte die Gesellschaft geistreicher Zeitgenossen. Algarotti, mittlerweile fast dreißig Jahre alt, war auf Stellensuche. Die Einladung des preußischen Königs kam ihm gerade recht. Zunächst ließ sich alles gut an. Algarotti empfing einen erblichen Grafentitel, nahm an der Seite Friedrichs am ersten schlesischen Feldzug teil und reiste Anfang 1741 für drei Monate mit geheimem diplomatischen Auftrag nach Turin. Doch seine Mission scheiterte. Die Aussichten auf eine feste Stelle im preußischen Dienst besserten sich dadurch nicht. Und so versuchte er sein Glück am sächsischen Hof, wo man die Kunst der Italiener liebte, ihre Malerei, ihre Musik, ihre Architektur. “Treulosester und leichtsinnigster Schwan der Welt”, rief Friedrich dem Flüchtenden nach, “Was aus Ihnen, unbeständiger und flatterhafter Schmetterling, werden wird, weiß ich nicht ... Aber was kümmert mich, in welchem Klima Sie weilen werden, wenn es nicht das meinige ist”. Man blieb in brieflichem Kontakt. Algarotti schickte Koloraturen der sächsischen Primadonna Faustina Bordoni nach Potsdam. Friedrich dankte und bat um Vermittlung bei der Abwerbung des Sängers Giovanni Bindi, eines  Kastraten der Dresdner Oper. Algarotti zögerte, wollte er sich die Chancen auf eine Anstellung am Sächsischen Hof doch nicht dadurch verderben, dass er beliebte Künstler zum Weggang bewegte. Der Preußenkönig war vergrätzt, Missverständnisse kamen hinzu. Schließlich schmollte Friedrich: “Sie haben es sich selbst zuzuschreiben, wenn ihre Interessen in Berlin nicht Rechnung gefunden haben. Ihre Verdienste sind sicher unbezahlbar, aber aus demselben Grunde ist es mir, obwohl ich König bin, unmöglich, Sie zu belohnen. Ich muss mich auf die einfache Bewunderung beschränken”. Algarotti antwortete in wenigen, spitzen Worten. Im September 1742 dann ein letzter Versöhnungsversuch aus Potsdam: “Aber ein Rest von Wohlwollen, das ich für sie habe, bringt mich dazu, Sie zu fragen (sicherlich das letzte Mal in meinem Leben), ob Sie sich mit mir einlassen wollen und unter welchen Bedingungen. Denken Sie ja nicht an Staatsgeschäfte oder Ämter, die Ihnen nicht liegen, sondern an eine gute Pension und an viel Freiheit. Wenn Sie diesen Vorschlag zurückweisen, so bitte ich Sie, nicht mehr an mich zu denken”. Nun lenkte Algarotti ein. Er antwortete sofort, entschuldigte sich und schob das Missverständnis auf seinen als Italiener mangelhaften Ausdruck im Französischen – eine Ausrede, denn diese Sprache beherrschte er seit seiner Jugend makellos. “Ich wäre entzückt, Sire, von Zeit zu Zeit ein Jahr in Berlin verbringen zu können”, vertröstete er den König. Vorerst blieb er jedoch in Dresden, wo er auf eines jener Ämter hoffte, dass Friedrich ihm ausdrücklich nicht geben wollte.

“Tizian ist der Homer der Landschaftsmaler.”

Die Sachsen hatten den Favoriten des neuen preußischen Königs schon lange im Blick. “Er gewinnt mehr und mehr Ansehen beim König, er begleitet ihn Schritt für Schritt”, berichtete der ehemalige sächsische Kabinettsminister Graf von Manteuffel, Geheimagent des Grafen Brühl am preußischen Hof, nach Dresden, “aber seit der Rückkehr von der Reise in Preußen ... scheint er damit nicht ganz zufrieden zu sein. Ich selbst habe noch nie Gelegenheit gehabt, mit ihm zu sprechen, aber Leute, die ihn kennen und die Grund haben, ihn aus nächster Nähe zu beobachten, schildern mir ihn als einen umso gefährlicheren Menschen, weil er sehr gelehrt und ein großer Plauderer ist, dazu ein übertriebener Freigeist auf religiösem Gebiet und folglich auch lax in der Moral.” Der sächsisch-polnische Hof war gewarnt. Dennoch nahm man das neue Mitglied in der schon beträchtlichen italienischen Kolonie in Dresden gern auf. Algarotti traf einflussreiche Landsleute wie den königlichen Leibarzt Giovanni Lodovico Bianconi, den Jesuitenpater und Beichtvater der Königin Ignazio Guarini, den Architekten der Hofkirche Gaetano Chiaveri, den Hofdichter Stefano Pallavicini, den Bildhauer Lorenzo Mattielli und die Stars der italienischen Oper, allen voran den Sänger Domenico Annibali und die Sängerin Faustina Bordoni, Frau des sächsischen Hofkapellmeisters Sasse. Algarotti konnte eine weitere Facette seiner beträchtlichen Talente beweisen, als er im September 1742 beauftragt wurde, zum Geburtstag des Königs die Oper “Didone abandonnata” nach einem Libretto von Pietro Metastasio mit Sasses Musik zu inszenieren.

Der Charme und die Gelehrsamkeit Algarottis beeindruckten auch die Dresdner Gesellschaft und verschafften ihm die Gunst des mächtigsten Mannes am sächsischen Hof, des Premierministers Graf Heinrich von Brühl. Algarotti sah die Gelegenheit gekommen, sich für ein Hofamt zu empfehlen. Er übergab dem König ein Schriftstück mit dem “Progetto per ridurre a compiento il Regio Museo di Dresda”, einem Plan zur Neuorganisation der sächsischen Kunstsammlungen, der bis in die heutige Zeit wirkt. Anders als am preußischen Hof, wo Friedrich gerade erst seine Räume mit Gemälden zu dekorieren begann, hatte der sächsische Kurfürst und polnische König August III. schon eine umfangreiche Galerie zusammentragen lassen. In der ihm eigenen geschliffenen Eleganz wies Algarotti den kunstliebenden Monarchen auf Schwachstellen in seiner Sammlung hin und schlug eine Vervollkommnung unter bestimmten Regeln vor. Im Gegensatz zu den zahlreichen, aber  wahllosen Ankäufen der vergangenen Jahre riet Algarotti zu einer gezielten Sammlertätigkeit, die nur echte und durch Expertisen ausgewiesene Meisterwerke zum Ziel haben sollte. Klasse statt Masse. Am Schluss seiner Ausführungen empfahl er, als Gegengewicht zu den alten Meistern eine kleine Galerie moderner Kunst anzulegen. Die Gemälde sollten Auftragswerke sein, deren Gegenstände nicht wie üblich nach der Gattung ausgewählt würden, sondern nach den besonderen Begabungen der Künstler, die so ihre besten Werke lieferten – historisch ein vollkommen neuer Ansatz beim Aufbau einer Sammlung. Unter den zeitgenössischen Malern, die Algarotti mit auf sie zugeschnittenen Themen für diese Galerie der modernen Kunst vorschlug, waren unter anderen Giovanni Battista Piazzetta – “großer Zeichner und guter Kolorist, aber wenig elegant in Formen und Gesichtern” – sowie Giovanni Battista Tiepolo – geistreiche Skizzen und besonders gut in Nachtstücken. Dass der Mann wusste, worüber er sprach, entging dem König nicht, ebenso wenig wie seiner rechten Hand, dem Grafen Brühl. Algarotti bekam am 16. Februar 1743 den ersehnten Auftrag, nach seinen Vorschlägen in Italien Gemälde zu erwerben. Wieder einmal glaubte sich Algarotti auf dem richtigen Weg zu seinem Ziel, einem höfischen Amt, und brach in den Süden auf. 

Vier Jahre war er unermüdlich unterwegs. Neben der vielgelobten Drucklegung der Werke des sächsischen Hofdichters Pallavicino, die auch zum Auftrag seiner Italienreise gehörte, erwarb er durch geschickte Verhandlungen 34 bedeutende Gemälde für den Dresdner Hof. Darunter waren acht, nach Algarottis konkreten Vorstellungen angefertigte Werke zeitgenössischer venezianischer Künstler, unter anderem das “Gastmahl des Antonius und der Cleopatra” von Tiepolo. Algarotti kaufte für viel Geld Hans Holbeins “Madonna des Bürgermeisters Meyer”, die – zum Glück für ihn – erst im 19. Jahrhundert als Fälschung erkannt wurde, und für wenig Geld eines der heutigen Renommierstücke der Dresdner Sammlung, Jean-Otienne Liotards “Schokoladenmädchen”. Während der gesamten Mission musste er sich mit anderen Kunstagenten herumschlagen. Im Gegensatz zum versierten und diplomatischen Vorgehen Algarottis traten die Konkurrenten oft in unseriöser Weise auf und brachten ihn so um seinen wohlverdienten Erfolg. Einer, der ihm immer wieder in die Quere kam, war der sächsische Hofmaler Ventura Rossi, der bereits seit Jahren im Auftrag August III. in Italien Kunst ankaufte. Rossi heftete sich an Algarottis Fersen und schnappte ihm oft die besten Stücke vor der Nase weg, nachdem er sich in Maske und unter falschem Namen an die Verkäufer herangemacht hatte. Algarotti beschwerte sich in Dresden über die Methoden des Konkurrenten und verlangte, mit einem offiziellen Titel ausgestattet zu werden, der ihn als Agent des König ins Sachen Kunst legitimierte. Aber die Stimmung in Dresden hatte sich geändert. Brühl und sein Sekretär Carl Heinrich von Heinecken, der die Kunstsammlungen betreute, misstrauten dem ehrgeizigen, gebildeten und eloquenten Kunstkenner und fürchteten um ihren Einfluss beim König. Wie Hohn mutete es an, als Algarotti statt der erhofften Ernennung zum “Surintendant des bâtiments et cabinets du Roi” für seine Kunsteinkäufe den Titel eines Geheimen Kriegsrats bekam. Als der Rivale Rossi dann noch mit dem  Ankauf der berühmten Sammlung des Herzogs Francesco III. in Modena beauftragt wurde, begriff der enttäuschte Algarotti, dass für ihn am Hof Augusts III. nichts mehr zu gewinnen war. Mit einem letzten Brief an den Grafen Brühl, in dem er ihm noch einmal seine Verdienste aufzählte und sich über die Ungerechtigkeit und Undankbarkeit des sächsischen Hofes beklagte, endeten 1747 seine Dresdner Jahre.     

“Um gute Prosa zu schreiben, nützt es, dichten zu können,
wie tanzen gelernt zu haben, um gut zu  gehen.”
 

Das frühere Angebot des preußischen Königs schien ihm nach dieser Erfahrung und angesichts seiner angegriffenen Gesundheit gar nicht mehr so schlecht. Vier Jahre hatten Friedrich II. und Algarotti kein Wort gewechselt. “Ich habe mit Vergnügen gehört, dass sie in Berlin angekommen sind”, schrieb jetzt der König, “und ich werde mich noch mehr freuen, Sie hier zu sehen”. Der verlorene Freund wurde mit offenen Armen empfangen. Mit einer gewissen Süffisanz verabschiedete sich Algarotti im April 1747 in Dresden: “Monseigneur, da ich gesehen habe, wie unbrauchbar ich für den Dienst Seiner Majestät war, habe ich das großmütige Anerbieten angenommen, dessen mich seine Majestät von Preußen gewürdigt hat ... Ich habe mein Dekret über die Ernennung zum Geheimen Kriegsrat heute morgen an Herrn von Bülow zurückgestellt.” Es wird dem Schikanierten leichtgefallen sein, den ungeliebten Titel gegen die preußische Kammerherrenwürde, den Orden “Pour le mérite” und die Pension von 3000 Talern einzutauschen, die Friedrich seine Anwesenheit in Potsdam wert waren. Kein Amt, aber das offene Ohr des Königs für seine Vorschläge und Ideen. Friedrich schickte sich an, seine Residenzstädte Berlin und Potsdam klassizistisch umzugestalten – Algarotti lieferte Anregungen und Vorbilder. Friedrich baute Unter den Linden ein Opernhaus – Algarotti schrieb einen Essay über die Oper und lieferte die Giebelinschrift, die der Betrachter heute noch in der Knobelsdorffschen Verkürzung “Apollini et Musis” über dem Eingang lesen kann. Sechs Jahre hielt es den “unbeständigen Schwan” diesmal in Preußen. Dann zog es ihn wieder in den warmen Süden. Sein Körper verlangte nach einem angenehmeren Klima. Mit Bedauern stimmte der König schließlich 1753 seiner Abreise zu. Algarotti plante, nach seiner Genesung noch einmal nach Preußen zu reisen. Es blieb jedoch beim Briefwechsel. Nach Algarottis Tod 1764 in Pisa ließ der preußische König dort für ihn ein Grabmal errichten. Es trägt eine persönliche Widmung in Latein, die Übersetzung lautet: “Algarotti, Ovid ebenbürtig und Schüler Newtons”. Die Erben setzten die Unterschrift darunter: “Friedrich der Große”.

“Nicht der Autor zeichnet die Schriften aus, sondern die Schriften den Autor.”

Essays und Aphorismen, Reiseliteratur und populärwissenschaftliche Abhandlungen, Briefe und Gedichte – Algarottis literarische Hinterlassenschaft ist umfangreich und vielfältig. In seinen “saggi”, den Essays, äußerte er Ansichten zur Naturwissenschaft, zu Kunst und Architektur, zur Musik, zur Philologie, zum Militärgeschichte, zum Handel – “einen Mann aller Länder und Zeiten”, nannte ihn Voltaire. Er war Verleger, Kunsthändler und Dichter, hochgebildet und mit allen höfischen Wassern gewaschen. Vielleicht war das zu viel, um königlicher Beamter zu werden. 


© Anett Kollmann