Anett Kollmann

Autorin-Biografin-Literaturwissenschaftlerin

Innenansichten einer romantischen Ehe

über: Hildegard Baumgart, Bettine und Achim von Arnim. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Ehe, Frankfurt a. M. 2016. 

Was macht die Ehe der Arnims so ungewöhnlich, wie der Untertitel von Hildegard Baumgarts Bettina und Achim von Arnim es behauptet? Ein kurzer Blick auf Prominente ihrer Zeit zeigt, dass andere Verbindungen ebenso besonders waren: der geadelte Geheimrat und Christiane Vulpius, Schillers angebliche ménage à trois mit den Lengefeld-Schwestern, die offene Zweierbeziehung der Humboldts oder – familiär ganz nah – die Ehen von Clemens Brentano mit Sophie Mereau und Auguste Bußmann. All diese Ehen waren viel mehr als das, was Kant als „Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zum lebenswierigen wechselseitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften“ juristisch definierte. Vor dem Hintergrund der romantischen Idee von der Liebesehe war das Modell des Königsberger Junggesellen in seiner Metaphysik der Sitten ohnehin schon ein wenig unzeitgemäß und lebensfremd theoretisch ... weiter

 


1.000 Seiten Aufklärung

über: Steffen Martus, Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert – ein Epochenbild. Rowohlt Verlag, Berlin 2015.

Über 1.000, ziemlich eng bedruckte Seiten hat Steffen Martus’ Buch, 150 davon umfasst allein der Anhang, bestehend aus Anmerkungen, Literaturnachweis, Register und Zeittafel. Umfangreich ist auch sein Thema: Aufklärung. Jeder halbwegs Gebildete hat eine Idee davon: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ – Immanuel Kants intellektueller Imperativ blinkt auf, ebenso Phrasen von der Geburt der Vernunft und der Bürgerlichkeit. Begann die Aufklärung schon mit William Shakespeares Hamlet oder suchen wir immer noch den Weg aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit? „Die Entdeckung der Unmündigkeit“ lautete Martus’ Arbeitstitel. Faszinierend – das weckt spontan Neugier. Am Ende schlägt dem potenziellen Leser vom Cover ein öde-dozentenhaftes „Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert. Ein Epochenbild“ entgegen. Wie vernünftig.  ...  weiter

 


Keine deutsche Camille Claudel

über: Marina Bohlmann-Modersohn, Clara Rilke-Westhoff. Eine Biografie. Goldmann Verlag, München 2015

Harter Marmor, Kalk- oder Sandstein, fester Lehm, flüssige Bronze – Bildhauerei ist keine leichte Sache und, ginge es nach der Auffassung des konservativen Kunstbetriebs, vor allem keine Frauensache. Sie erfordert körperliche Kraft, Ausdauer und Umgang mit Werkzeugen, die schwerer in der Hand liegen als Pinsel und Stift. Dennoch war sich die 1898 gerade 20-jährige Clara Westhoff sicher, dass sie Bildhauerin werden will. Sie wollte keine kleinen Stücke fertigen, wie sie in den Damenakademien modelliert wurden, sondern lebensgroße Figuren aus Lehm und Stein. Ihre erste plastische Arbeit war die Büste einer Moorbäuerin – Gesicht und Körper mit den Spuren des harten Lebens, dennoch voller Würde. ...  weiter


Einsam in der Gruppenaufnahme

über: Wilfried F. Schoeller, Franz Marc. Eine Biographie. Hanser Berlin, Berlin 2016.

Das Leben von Franz Marc, Meister der Moderne, beginnt 1690 – zumindest in der Darstellung von Wilfried F. Schoeller. Der ehemalige Bremer Literaturprofessor datiert um dieses Jahr herum die Geburt des Ururgroßvaters des Künstlers, um anschließend die Familiengeschichte als „flittrigen Episoden-Wirrwarr“ nachzuzeichnen. Diese biologisch-soziale Detektion des Künstlergens mag wissenschaftliche Gründlichkeit sein oder akademische Parade, währt aber glücklicherweise nur zwei Seiten ... weiter 

 

 

Die Kartierung der Glückseligkeit 

über: Alessandro Scafi, Die Vermessung des Paradieses. Eine Kartographie des Himmels auf Erden, Mainz 2015.

„Imagine“ – Stell’ dir vor! Mit John Lennons Song vom irdischen Paradies beginnt Alessandro Scafi seine Studie „Die Vermessung des Paradieses“ zur Enthüllung eines jahrhundertealten geografischen Rätsels. Ein Ort, friedlich und zeitlos, wie ihn sich der britische Popstar 1971 ausmalte, ist die moderne Version dessen, was sich Erdenbürger seit Ewigkeiten als seliges Ende der Menschheitsgeschichte und freudvolles Anderswo erträumen. Die meisten Religionen und Kulturen kennen einen solchen Ort außerhalb von Raum und Zeit, aber es ist vor allem das Christentum, das von Beginn an versuchte, das Paradies nicht nur spirituell zu begreifen, sondern auch geografisch zu fixieren ...  weiter 

 

Der Unvollendete

über: Brigitte Roßbeck, Franz Marc. Die Träume und das Leben. Biografie, München 2015.

Rote Rehe, gelbe Rinder und immer wieder Katzen und Pferde in nie gesehenen Farben haben Franz Marc seinerzeit bekannt gemacht und tragen bis heute zu seiner Popularität bei. Er selbst fand, dass er unbedingt darüber hinauskommen müsse, diese Tierbilder zu schaffen. ... weiter

 

Wollüstige Gedankenstriche

über: Der Augarten bey Wien. Eine erotische Erzählung. Herausgegeben und kommentiert von Simon Bunke, Hannover 2014.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts kommt ein junger Mann nach Wien, um Liebesabenteuer zu erleben. Er hofft auf die „angerühmten Stubenmädchen“. Aber erst einmal passiert gar nichts. Das Wetter ist zu schlecht, um vor die Tür zu gehen. Er wirft schon einmal ein Auge auf die Wirtstochter Therese und schürt ansonsten seine Erwartungen und die des Lesers. ... weiter

 

 Was vom Schreiben übrig blieb

über: Schreiben und Streichen. Zu einem Moment produktiver Negativität. Herausgegeben von Lucas Marco Gisi, Hubert Thüring und Irmgard M. Wirtz, Göttingen 2011. 

„Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen“, spottete Mark Twain. Er wäre demnach ein „Kopfstreicher“, ein „mentaler Streicher“, ein Autor, der seinen Text „avant-la-lettre“ löscht. Doch auch wenn das falsche Wort schon dasteht, gibt es ein Zurück. Es kann getilgt werden, durchgestrichen, überschrieben, geschwärzt, überklebt, umgeschrieben, weggeschnitten, neugeschrieben. Was bleibt, sind Schreibspuren, die auf den Produktionsprozess verweisen, im Endprodukt aber fehlen. Die vorliegende Aufsatzsammlung befasst sich mit diesen textgenetischen Indizien des literarischen Handwerks ... weiter

 

Mit Spürsinn für das Ausgegrenzte

über: Jörg Deuter, Gert Schiff. Von Füssli zu Picasso. Biographie einer Kunsthistoriker-Generation, Weimar 2014.

Als Anfang der 1950er-Jahre die Werke des gebürtigen Schweizer Malers Johann Heinrich Füssli noch in alle Welt verstreut waren, machte sich der junge deutsche Kunststudent Gert Schiff ans Werk, dessen römische Zeichnungen für seine Dissertation zu katalogisieren und zu entschlüsseln. Ein Wagnis im kunstwissenschaftlichen Betrieb Nachkriegsdeutschlands ... weiter

 

Wenn Physiker träumen

über: Johannes Kepler, Der Traum, oder: Mond Astronomie: Somnium sive astronomia lunaris. Mit einem Leitfaden für Mondreisende. Herausgegeben von Beatrix Langner, Berlin 2011.

Der Weltraum – unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 1609. Johannes Kepler veröffentlicht die ersten zwei seiner Planetengesetze und verfasst eine Wissenschaftsfiktion unter dem Titel „somnium“, der Traum. Viele Jahrzehnte vor der Durchsetzung des heliozentrischen Weltbilds dringt er dabei in Welten vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat... weiter

 

 

Der Lack ist ab

über: Genie & Arschloch. Licht- und Schattenseiten berühmter Persönlichkeiten. Herausgegeben von Manfred Chobot. Mit Fotografien von Katharina Laher, Wien 2009.

Pablo Picasso war ein „Arschloch“. Bertolt Brecht auch. Ernest Hemingway, Wassily Kandinsky und Richard Wagner sowieso. Nicht, dass man das nicht schon gewusst oder zumindest geahnt hätte. Manfred Chobot fasst für uns die geballte Gemeinheit der Kreativen unter dem Titel „Genie & Arschloch“ noch einmal zusammen ... weiter