Anett Kollmann

Autorin - Biografin - Literaturwissenschaftlerin



Kein Glück ohne Freiheit. Die Familie Schopenhauer


Man könnte die Familiengeschichte der Schopenhauers als Seifenoper erzählen, als Tragödie griechischen oder zumindest melodramatischen Ausmaßes, als Emanzipationsdiskurs, Krisenbericht, Bildungsroman, Seelenschau oder Epochenstudie. Die Lebensläufe geben all das her, singulär und beispielhaft zugleich.

"Point de bonheur sans liberté" - Kein Glück ohne Freiheit, so das Familienmotto. Die vier Schopenhauers verbindet aber noch mehr: Weltoffenheit, Ehrgeiz und Selbstbewusstsein. Und ein heftiges Temperament, das die Familienbande immer wieder unter Spannung setzt bis zum Zerreissen. Der Mut zu persönlichem Glück und eigener Freiheit treibt sie alle an. Er führt zu der schmerzhaften Erkenntnis: Frei konnten sie offenbar nur ohneeinander sein.

Aber macht Individualismus auch glücklich? Und wieviel davon hält eine Familie aus, bevor sie zerbricht?

Die Schopenhauers sind widersprüchliche Charaktere, die polarisieren und provozieren. Mit übergriffiger Sympathie ist der ganz spezielle Puls dieser Familie nicht zu fühlen. Das muss man aushalten, beim Biografieren wie beim Lesen, und macht die Bekanntschaft zu einer anregenden Erfahrung.


Der Vater

Heinrich Floris Schopenhauer

(1747 - 1805)


Heinrich Floris Schopenhauer



"Ich wollte, dass du lerntest, dir die Menschen angenehm zu machen." (über den Sohn)

raffinierter Kaufmann, der mit seinen Geschäften ein Vermögen macht, konsequenter Republikaner und Verfechter der Freiheit des Individuums, Leser von Voltaire und Rousseau, Patriarch mit harten Prinzipien, instabilem Temperament und melancholischen Neigungen, stirbt durch einen Sturz aus dem obersten Speicher seines Handelshauses - Unfall oder Freitod?


Die Mutter

Johanna Schopenhauer,
geb. Trosiener

(1766 - 1838)



"Lassen Sie sich vom ersten Anblick nicht abschrecken, denn dieser macht keinen angenehmen Eindruck." (über die Tochter)

langweilt sich als Kaufmannsgattin, als Witwe lässt sie sich von niemanden mehr in ihr Leben hereinreden, wird in Weimar zur Prinzipalin eines deutschlandweit bekannten "Theetisches" für die ortsansässigen und durchreisenden Berühmtheiten, ihre Biografien, Reisebeschreibungen und Romane machen sie zur Bestsellerautorin, selbstbewusst, lebenslustig, realistisch und zielstrebig

Der Sohn und Bruder

Arthur Schopenhauer

(1788 - 1860)




"Sie ist eine gute Romanschreiberin, aber eine schlechte Mutter." (über die Mutter)

soll Kaufmann werden, will aber studieren, nach dem Tod des Vaters darf er doch noch an die Universität und wird einer der subversivsten, unkonventionellsten Denker der Moderne, als Sechsundzwanzigjähriger entzweit er sich so mit der Mutter, dass sich die beiden nie wiedersehen, düsterer Dandy der deutschen Philosophie, Eigenbrötler der Gelehrtenwelt und Misanthrop

 

Die Tochter und Schwester

Adele
Schopenhauer

(1797 - 1849)


"Ich bin überzeugt, dass unsere Charaktere im Guten und Schlimmen viel Ähnliches haben." (über den Bruder)

sensibles und vielseitig talentiertes 'enfant chéri' von Goethe, überzeugte Romantikerin, reiche Erbin, die durch eine Bankkrise ihre rosige Zukunft verliert, verbringt ihr Leben eigensinnig mit der Mutter und auf der Suche nach Liebe, zu spät entscheidet sie sich, stattdessen ihre Talente als Künstlerin und Schriftstellerin zu nutzen





 





 




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