Anett Kollmann

Autorin-Biografin-Literaturwissenschaftlerin

Nie habe ich einen Ort gefunden wo wir von Seiten der Bewohner so miserabel aufgenommen worden sind, notierte Carl Maria von Weber in sein Tagebuch, nachdem er im Februar 1812 in der sächsischen Residenz mit seinem Freund, dem Klarinettisten Heinrich Joseph Baermann, konzertiert hatte – Dresden erwischt mich nicht wieder!(1) Zwar war ihr Spiel vor der königlichen Familie mit Beifall aufgenommen und mit kostbaren Tabaksdosen belohnt worden, aber der Auftritt vor dem bürgerlichen Publikum im “Hotel de Pologne” brachte nur geringe Einnahmen. Kaum jemand aus der Dresdner Gesellschaft nahm darüber hinaus Notiz von den Künstlern. Keine Einladungen, keine Besuche. Verständlich, dass Weber seine musikalische Zukunft vorerst woanders suchte. Aber er kommt wieder.

Zunächst setzte er sein Wanderleben fort, spielte in Berlin, Leipzig, Weimar, Gotha, immer auf der Suche nach Aufträgen und nach einer gut dotierten Kapellmeisterstelle, für die es sich lohnte, sesshaft zu werden. Weber war hochverschuldet und seit seiner Ausweisung aus Württemberg und dem lebenslänglichen Einreiseverbot auch im Zwielicht. Das stand einer Anstellung zuweilen entgegen. Im Januar 1813 wurde ihm die Leitung der Prager Oper angetragen. Weber sagte zu, lernte Tschechisch und rieb sich in den folgenden dreieinhalb Jahren auf, um das Haus nach seinen Ideen neu zu organisieren. Die Prager Theaterverwaltung sah keine Fortschritte, für Weber ein Kündigungsgrund. Im Herbst 1816 würde er wieder ohne Anstellung sein. Es zog ihn nach Berlin. Dort wollte man ihn nicht, nicht als königlichen “Kapellmeister”, nicht als “Hof- und Kammerkompositeur” und auch nicht als “Titular-Kapellmeister” für zukünftige Vakanzen. So sehr sich Karl Graf von Brühl, der Generalintendant der Königlichen Schauspiele in Berlin, für ihn einsetzte, alle Gesuche wurden von Seiten des preußischen Königs abschlägig beschieden.

 

Weber reiste weiter nach Karlsbad, um den sächsischen Hofmarschall Heinrich Carl Wilhelm Graf Vitzthum von Eckstädt während eines Kuraufenthaltes abzupassen. Er hatte gehört, dass der König in Dresden beabsichtigte, neben der Italienischen eine Deutsche Oper zu etablieren, eine Aufgabe, die ihn interessierte. Auch Vitzthum schien der 29-jährige wegen seines guten Rufes als Kompositeur, als Musik- und Theaterverständiger, als Dirigent der deutschen Oper und als sittlich und wissenschaftlich gebildeter Mann(2) für den Aufbau der neuen Sparte am königlichen Theater hervorragend geeignet. Weber konnte zu dieser Zeit schon einiges vorweisen. Seine musikalische Laufbahn hatte früh begonnen. Mit zwölf Jahren schrieb er seine erste Oper, mit 18 wurde er Kapellmeister in Breslau. Als er Vitzthum im Sommer 1816 traf, hatte er bereits fünf Opern und Opernfragmente sowie zahlreiche Lieder, Orchester-, Klavier- und Kammermusikwerke komponiert und auf Konzertreisen vielerorts sein Können als Virtuose am Klavier und an der Gitarre bewiesen. Auch als kenntnisreicher Musikkritiker war er mit Beiträgen in der “Allgemeinen Musikalischen Zeitung”, dem “Journal des Luxus und der Moden” sowie in der “K. K. Privilegierten Prager Zeitung” in Erscheinung getreten. Noch während seines Kuraufenthaltes bat Vitzthum seinen Bruder und Stellvertreter in der sächsischen Residenz, ja alles anzuwenden, um meinen Antrag wegen dessen Anstellung in Dresden ja nicht sinken zu lassen(3). Die Verhandlungen zogen sich hin. Am 26. Dezember 1816 erhielt Weber endlich die ersehnte Nachricht und konnte seiner ahnungslosen Verlobten in Prag eine ganz besondere Weihnachtsüberraschung machen. Ganz beiläufig bat er sie, ihre Briefe zukünftig An den Königlich Sächsischen KapellMeister/ Herrn Carl Maria von Weber/ Hochwohlgebohren zu Dresden/ Poste restante zu adressieren, um dann, voller unbändiger Freude über seinen gelungenen Coup fortzufahren: Etsch! Etsch! Etsch! angeführt! übergerascht, Gelt! Nun Lass dich recht umarmen da Gott unsere Wünsche gekrönt hat!(4) Gleich nach Neujahr will Weber von Berlin aus aufbrechen, um in der sächsischen Residenz seine neue Aufgabe in Angriff zu nehmen. 

In Dresden erwartete ihn eine herbe Enttäuschung ...

   

(1) Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Mus. Ms. Autogr. Theor. C. M. v. Weber WFN 1 – Für den originalen Wortlaut des Tagebucheintrags danke ich Dagmar Beck von der Berliner Arbeitsstelle der Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe.

(2) Heinrich Graf Vitzthum vom Eckstädt an Carl Graf Vitzthum von Eckstädt am 17. Juli 1816, zit. nach: Max Maria von Weber: Carl Maria von Weber. Ein Lebensbild, Bd. 1, Leipzig 1864, S. 529

(3) Ebd.

(4) Weber am 26. Dez. 1816 an Caroline Brandt, in: Mein vielgeliebter Muks. Hundert Briefe Carl Maria von Webers an Caroline Brandt aus den Jahren 1814 bis 1817, hg. v. Eveline Bartlitz, Berlin 1986, S. 284 



Auszug aus: Carl Maria von Weber in Dresden, Morio Heidelberg 2016, S. 5 ff.